Jeder Schritt nach vorne war auch ein Schritt weg. Was niemand dir vorher sagt.
- 8. März
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Weltfrauentag, 8. März 2026
Ich war die erste Frau in meiner Familie, die studiert hat. Die erste, die finanziell auf eigenen Beinen stand. Die erste, die ein Team geführt hat. Und die erste, die sich öffentlich gezeigt hat, mit dem, was sie denkt und wer sie ist.
Lange habe ich das als Erfolgsgeschichte erzählt. Und irgendwie ist es das ja auch. Aber je länger ich zurückschaue, desto mehr verstehe ich, dass dieser Weg eine Seite hatte, über die kaum jemand spricht. Eine, die sich nicht in Lebenslaufen findet.
Wenn es keine Vorlage gibt
Wenn du die Erste bist, betrittst du Neuland. Nicht im übertragenen Sinne, sondern ganz konkret. Es gibt niemanden in deiner Familie, der dir zeigt, wie sich das anfühlt. Wie man in einem Meetingraum sitzt und nicht das gefühl zuhabe, hier fehl am Platz zu sein. Wie man eine schwierige Entscheidung trifft, ohne sich anschließend innerlich zu entschuldigen. Wie man sichtbar ist, Angst zu spüren.
Wir lernen das alles nicht nur aus Büchern. Wir lernen es durch das, was wir als Kinder beobachten. Durch die Bilder, die wir von Frauen in unserer Familie mitbekommen haben. Meine Familie hatte starke Frauen. Frauen, die Familien zusammengehalten haben, jahrelang, still und ohne großes Aufhebens. Das war echte Stärke. Aber sichtbar sein, die eigene Stimme erheben, Verantwortung nach außen übernehmen, das war nicht ihre Welt. Das war schlicht nicht vorgesehen für sie.
Und dann kam ich, mit einem Studienabschluss und einem Team und dem Anspruch, gehört zu werden.
Der Moment, der mich wirklich überrascht hat
Was mich rückblickend am meisten überrascht: Nicht das Scheitern war schwer. Sondern der Erfolg.
Denn Erfolg bedeutete, mich von dem zu entfernen, was die Frauen vor mir kannten. Jeder Schritt nach vorne war auch ein Schritt weg, weg von dem Vertrauten, von den Regeln, die ich kannte, von der Welt, in der ich wusste, wie ich mich zu bewegen hatte. Das hat niemand vorher erwähnt. In keinem Ratgeber steht: Pass auf, manchmal fühlt sich Ankommen fremd an. Nicht weil du es nicht verdient hättest. Sondern weil du die Erste bist.
Dieses Gefühl hat einen Namen, den ich damals nicht kannte. Und es hat eine Geschichte, die nicht mit mir anfängt.
Das Echo, das wir tragen
Als ich noch selbst geführt habe, begann ich zu verstehen, was hinter diesen Gefühlen steckt. Ich sah es bei mir, und ich sah es bei den Frauen um mich herum. Hochkompetente Frauen, die zögern, bevor sie das Wort ergreifen. Die sich fragen, ob sie wirklich gemeint sind. Die eine Erschöpfung kennen, die sich nicht mit dem Arbeitspensum erklären lässt.
Diese Zweifel sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind ein Echo. Ein Echo auf all die Frauen vor uns, die nicht durften, nicht konnten oder einfach nie gefragt wurden. Es zeigt sich auch in den leiseren Mustern: in der Neigung, für andere zu sorgen, bevor man an sich selbst denkt, im Unbehagen beim Setzen von Grenzen, im inneren Zug zur Harmonie, auch wenn es einen selbst etwas kostet. Das sind keine Fehler. Das sind Strategien, die über Generationen weitergegeben wurden, weil sie irgendwann sinnvoll waren. Die Frage ist bloß, ob sie es heute noch sind.
Für die Frauen, die vor uns kamen
Am Weltfrauentag denke ich nicht nur an die Frauen, die heute führen oder gestalten oder einfach ihren Weg gehen. Ich denke auch an die, auf deren Schultern sie stehen, ohne es immer zu wissen.
Ich denke an meine Mutter, die andere Möglichkeiten hatte als ich. An meine Großmutter, deren Stärke eine völlig andere Form hatte. Und an die Frauen noch weiter davor, deren Namen ich nicht kenne, die aber trotzdem Teil davon sind, wer ich bin.
Ich glaube, die Frauen, die vor uns kamen, freuen sich, dass wir nun unseren Weg gehen. Irgendwo, irgendwie. Und vielleicht ist das Mutigste, was wir tun können: diesen Weg wirklich zu gehen. Nicht trotz ihrer Geschichte. Sondern auch für sie.
War oder bist du auch die Erste in deiner Familie, die...?
Es verdient es, gesagt zu werden.
Herzlichst
Andrea


